Detlef Creydt


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Wilderei im Solling

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Wilderei im Solling

Da ich am Sollingrand aufgewachsen bin, habe ich mich schon von frühster Jugend an für Natur und Jagd interessiert. Fasziniert haben mich deshalb auch die vielen Wilddiebsgeschichten, die in Dassel und Sievershausen erzählt wurden. Bereits als Jugendlicher begann ich damit, alles über die Wilddieberei Erfahrene aufzuschreiben und schriftliche Quellen zu sammeln.

2006 erschien im Verlag Jörg Mitzkat das Buch von Daniel Althaus „Wilderer im Solling“. Das Buch wurde aufgrund der großen Nachfrage ein Erfolg. Deshalb baten mich Verleger Jörg Mitzkat (Holzminden), der Autor Daniel Althaus (Uslar) sowie der Betreuer des Projekts Dr. Wolfgang Schäfer (Uslar) mich an einer weiteren umfangreicheren Bearbeitung dieses Themas zu beteiligen.

Da Daniel Althaus z.Zt. mit seiner Dissertation über die Glashüttengeschichte von Amelith beschäftigt ist und Dr. Wolfgang Schäfer nur spezielle Aspekte der Sollingwilderei bearbeiten wird, bin ich nun fast zum alleinigen Erforscher der Wilddiebsgeschichte des Sollings geworden.

Nach Fertigstellung der zweiten Auflage des Buches „Luftkrieg im Weserbergland“ bin ich seit Anfang des Jahres 2008 mit diesem Thema beschäftigt. Seitdem habe ich zahlreiche Förster, Jäger und Waldarbeiter interviewt.

Die Universitätsbibliothek Göttingen, einschließlich der forstwissenschaftlichen Abteilung, das Hauptstaatsarchiv Hannover und das Staatsarchiv Wolfenbüttel sind durchforscht worden. Umfangreiches Material konnte von mir ausgewertet werden.

Im 15. Und 16. Jahrhundert gelang es den Landesherren, sich das alleinige Jagdrecht über das Hochwild anzueignen. Damit einher ging die Einschränkung der Nutzung der Wälder für die Untertanen. Das bedeutete konkret, dass die Hochwildbestände durch ausgewiesene Schutzgebiete und Pflegemaßnahmen ständig erhöht wurden, um durch große Jagden die Höfe mit Wildbret zu versorgen und die Jagdpassion der Fürsten zu befriedigen. Eine Entschädigung für die Wild- und Jagdschäden gab es nicht.

Dem stand die Rechtsauffassung weiter Teile der Landbevölkerung gegenüber, dass jedermann das Recht habe, sich frei lebendes Wild anzueignen. Je höher die Wildbestände und damit die Wildschäden waren, desto mehr wurde von diesem angeblichen Recht Gebrauch gemacht. So wurden z.T. zwei Drittel des im Solling erlegten Wildes durch Wilddiebe zur Strecke gebracht. Die Freijäger stellten somit nach Aussterben der Bären und Wölfe ein Regulativ für zu hohe Wildbestände dar.

Durch Totschießen der in den herrschaftlichen Wäldern angetroffenen Wilderer meinte man jahrhundertelang, das Problem lösen zu können. Aber auch hohe Geld- oder Freiheitsstrafen schreckten nicht ab. Neben der Passion stand oft große finanzielle Not hinter der Wilderei. Besonders in Kriegs- und Nachkriegszeiten war für viele Sollingbewohner die Freijagd die einzige Möglichkeit, ihre Familien zu ernähren. Die Berufswilderei war weit verbreitet.

Die Förster waren per Diensteid verpflichtet, den Wilderern nichts nachzusehen. So kam es immer wieder zu Aufeinandertreffen, bei denen Waffen eingesetzt wurden: auf der einen Seite, um Wilderer festzunehmen, auf der anderen Seite, um sich einer Festnahme und damit einer Bestrafung zu entziehen. Dies führte direkt oder indirekt dazu, dass 70 heute im Solling nachweisbare Todesfälle sowie zahlreiche Verletzte auf Wilderei zurückzuführen sind.

Zahlreiche Gedenksteine wurden erschossenen oder verdienten Forstleuten zur Erinnerung gesetzt, bzw. Waldstücke nach ihnen benannt. Wilddiebe standen außerhalb des Rechts. Deshalb gibt es nur wenig, was im Solling an sie erinnert:

- den „Diebesbusch“ und „Diebesstein“ für den ermordeten Wilddieb Reinhold aus

Sievershausen

- den „Wilddiebsborn“ im oberen Hellental (heute „Henkenborn“)

- die „Wilddiebseiche“ bei Amelith

- die Gaststätte „Wilddiebsstube“ in Silberborn.

Tabellarische Übersicht der bekannten Opfer durch Wilddieberei

Jahr

Beruf, Name (Ort)

tot

verletzt

unverletzt

1779

Reitender Förster Haarmann (Holzminden)

 

x

 

1814

Förster Georg Klare (Sievershausen)

   

x

1821

Reitender Förster Mittendorf (Boffzen)

x

   

1824

Forstgehilfe Keune (Derental)

 

x

 

1826

Förster Georg Klare

x

   

1828

Feldhüter Götemann (Oldenrode)

x

   

1828

Förster Gerber

x

   

1828

Jäger Kaye (Sievershausen)

 

x

 

um 1830

Hildegard Koch (Sievershausen)

x

   
 

Kuhhirte Wille (Uslar)

 

x

 
 

Waldarbeiter Raese

x

   
 

Förster Erik (Lüthorst)

   

x

 

Verwalter der Glashütte Schorborn

 

x

 
 

Förster Kaiser (Dassel)

   

x

1831

Landwehrjäger Langelüddeke (Holzminden)

   

x

1834

Waldarbeiter Block (Mackensen)

x

   

1835

Förster Hungerland (Ellierode)

x

   

1837

Förster Georg (Relliehausen)

   

x

1839

Feldjäger Rolfs

x

   

um 1840

Förster Dörries (Schönhagen)

   

x

1846

Förster Georg (Relliehausen)

   

x

1846

Feldjunker v. Veltheim (Holzminden)

   

x

1857

Forstgehilfe Fischer (Sievershausen)

 

x

 

1861

Förster Busch (Sievershausen)

x

   

1868

Feldgendarm von Sievershausen

   

x

1868

Förster Stolze

   

x

1875

Revierförster Keyser (Hilwartshausen) und Förster Eggebrecht (Relliehausen)

   

x

1878

Förster Wicht (Sievershausen)

   

x

1878

Förster Carl August Klare (Sievershausen)

x

   

1909

Landwirtschaftseleve Schmidt (Deensen)

x

   

1909

Förster Hergensberg

   

x

Insgesamt: 12 Tot; 6 Verletzte; 12 Unverletzte

Schusswaffengebrauch von Förstern/Beamten auf Wilddiebe

Jahr

Beruf, Name (Ort)

tot

verletzt

1669

Köhler Grote (Mackensen)

x

 

1722

Linnemann (Sievershausen) und

x

 
 

Schwerdtfeger (Sievershausen)

 

x

1757

Leineweber Reinhold (Sievershausen)

x

 

1779

Müller Schmidtmann (Denkiehausen)

 

x

1786

Wilddieb aus Altendorf

x

 

1763 - 1807

mindestens 17 Wilddiebe im

   
 

braunschweigischen Teil des Sollings

x

 
 

mindestens 15 im hannoverschen Teil

x

 

1817

Wilddieb aus Deensen

x

 

1824

Melching (Sievershausen)

 

x

1827

Brand (Lüchtringen)

x

 

1828

Bertram (Delliehausen)

x

 

1835

Tagelöhner Hellenkamp (Holzminden)

x

 

1835

Wauker (Sievershausen)

 

x

1843

Schreiner Willecke (Lüchtringen)

x

 

1843

Bauer Grupe (Arholzen)

 

x

um 1845

Wilddieb aus Mühlenberg

 

x

1846

Wilddieb aus Holzminden

x

 

1880

Papenberg (Sievershausen)

 

x

1909

Wilderer aus Meinbrexen

 

x

1919

Wilddieb aus Uslar

x

 

1919

Wilddieb aus Lichtenborn

 

x

1919

Waldarbeiter Johanning (Abbecke)

x

 

1920

Böttcher Koch (Dassel)

x

 

1920

Wilddiebe aus Lüchtringen

 

unverl.

1923

Melching

x

 

1930er Jahre

Jahre Wilddieb aus Hellental

 

x

1930er Jahre

Jahre Wilddieb aus Sievershausen

 

x

1946

Landwirt Meier (Sievershausen)

x

 

Insgesamt: 47 Tote; 11 Verletzte.

Bei der Verfolgung von Wilddieben durch Eigenverschulden erschossene Förster

Jahr

Beruf, Name, (Ort)

Vorfall

1585

Wildschütze Stucken (Boffzen)

erschossen (Unfall)

1838

Revierjäger Ratebrand (Merxhausen)

versehentlich erschossen durch seinen Begleiter beim Festnehmen eines Wilderers

Insgesamt: 2 Tote

Tötung von Wilddieben durch Eigenverschulden

Jahr

Beruf, Name (Ort)

Vorfall

1685

Dreyer (Mackensen)

bei der Verfolgung durch Förster durch
Unvorsichtigkeit selbst erschossen

1770

Bröhmer (Braak)

Selbstmord mit seinem Gewehr

1841

Schwerdtfeger (Sievershausen)

stürzt sich während eines Verhörs in
Göttingen aus dem Fenster und stirbt an
den Folgen

1868

Greinert (Hellental)

Selbstmord mit seinem Gewehr

1869

Drellmacher Papenberg (Sievershausen)

erschießt sich durch Unvorsichtigkeit mit
seiner nicht entladenen Waffe

1878

Zigarrenmacher Hahn (Uslar)

wird versehentlich von seinem Vater auf
einer Wilddiebstour erschossen

1892

Wilderer aus Hettensen

wird durch einen versehentlichen Schuss
seines Genossen getötet

1923

Wedekind aus Sievershausen

Er ging zum Wildern aus dem Haus.
Sein Skelett wird später im Wald gefunden. Die Umstände des Todes sind unbekannt.

Insgesamt: 8 Tote.

Das Buch über die Wildereigeschichte des Sollings sowie die damit verbundene Wald-, Wild- und Jagdgeschichte ist nun weitgehend fertiggestellt. Der reichbebilderte Band wird im September/Oktober 2010 im Verlag Jörg Mitzkat, Holzminden, erscheinen.


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